Stellungnahme zur Einladung von Alice Schwarzer in Kassel

Stellungnahme zur Einladung von Alice Schwarzer zum Thema „Abtreibung ist ein Menschenrecht“ vom Frauenhaus Kassel am 28.03.2019

Wir, einige Menschen der anarchistischen Aktion und Organisierung (A&O Kassel), sprechen uns gegen die öffentliche Einladung von Alice Schwarzer aus. Ihr sollte kein öffentlicher Raum für ihre rechtsoffenen Einstellungen gegeben werden.

Mit Erschrecken bemerkten wir, dass Alice Schwarzer nach Kassel eingeladen worden ist. Das Thema „Abtreibung ist ein Menschenrecht“ soll sie zum Thema machen und sich so wieder den öffentlichen Raum aneignen. Dieses Thema, dass Abtreibung ein Menschenrecht sein soll und nicht bestraft oder verfolgt werden sollte, ist uns sehr wichtig und erkämpfenswert. Aber sollte dies Alice Schwarzer machen? Es gibt unzählige prominente Frauen* und Wissenschaftler*innen die hätten eingeladen werden können. Warum wurde Alice Schwarzer eingeladen- fragen wir uns.

Alice Schwarzer zeigt in verschiedenen Facetten rechtsoffene Einstellungen auf, welche wir strikt ablehnen. Im Folgenden werden einige Einstellungen von ihr aufgezeigt, die nicht für eine freiheitliche, emanzipatorische, hierarchiefreie, anti-autoritäre, gerechte und weltoffene Gesellschaft stehen. Auch die Queers- und Frauen*streikbewegung lehnt rechtsoffene Einstellung¹ ab und sollte nicht mit solchen Vertreter*innen zusammenarbeiten.

Mithu Sanyal, eine Autorin des Missy Magazines, analysierte Alice Schwarzers Buch „Der Schock-die Silvesternacht in Köln“². Die Autorin vom Missy Magazine stellt fest, dass Aussagen von Alice Schwarzer darauf hinweisen, dass sie eine Feindlichkeit gegenüber Geflüchtete, Migrant*innen und Islamgläubige zeigt. Es werden laut dem Missy Magazine Behauptungen sowie Vorurteile von Alice Schwarzer aufgestellt, dass die Geflüchteten durch ihre Kriegserfahrungen eine Normalität zu gewalttätigen Handlungen, wie die sexuellen Übergriffe in der Kölner Silvesternacht, gewonnen hätten. Auch würden Geflüchtete, insbesondere Islamgläubige, „Frauen“ hassen. Mithu Sanyal entkräftet diese Vorurteile.

Wir, als Anarchist*innen, lehnen jegliche rassistische Einstellung ab, wie die Feindlichkeit gegenüber Geflüchteten, Migrant*innen und Islamgläubigen. Jede*r hat das Recht, dorthin zu gehen und zu bleiben, wo er*sie will. Jede*r hat das Recht eine Religion auszuüben ohne aufgrund dessen diskriminiert zu werden. Wir, als Anarchist*innen, lehnen Staaten sowie Grenzen und Religionen ab, jedoch schließen wir nicht die Menschen aus oder diskriminieren sie, die anderer Herkunft sind oder einer Religion angehören.

Laura Lucas³, eine Autorin der Onlineseite „Über Medien“, differenziert die Rassismusvorwürfe Alice Schwarzes. Unter der Bezugnahme weiterer Wissenschaftler*innen ist sie der Meinung, dass Alice Schwarzer nicht rassistisch, aber ihre Wirkung rechtsoffen sei. Meredith Haaf⁴, eine Autorin der Süddeutschen Zeitung, ist einer ähnlichen Meinung wie Laura Lucas. Laut Meredith Haaf und der Bezugnahme weiterer Wissenschaftler*innen interviewt Alice Schwarzer unter anderen weiße Frauen*, die sexualisierte Gewalt von geflüchteten Männern in Chemnitz erfahren haben. Diese Übergriffe werden laut Meredith Haaf nicht journalistisch eingeordnet. Es wird von Einzelfällen berichtet und daraus Schlüsse auf eine gesamte Bevölkerungsgruppe gezogen. Eine gute journalistische Aufbereitung wäre beispielsweise, dass diese Einzelfälle in einer Gesamtstatistik eingeordnet wird. Beispielsweise könnte mensch fragen: Wie viele weiße deutsche Männer üben sexualisierte Übergriffe aus? Werden diese erfasst?

Was heisst das? Darf jemand rhetorisch rechts bzw. rechtspopulistisch hetzen, aber sich nicht als rechts oder rechtspopulistisch bezeichnen? Diese Argumentation ähnelt der rechtspopulistischen Argumentation, wie beispielsweise: „Ich bin doch kein Nazi, nur weil ich keine „Ausländer“ mag“⁵. Der naive Umgang mit den Rechten und den Rechtspopulist*innen zeigte in der Vergangenheit, dass sie dadurch an Macht gewinnen. Siehe beispielsweise die immer stärker werdende rechtspopulistische Partei AfD. Wir, als Anarchist*innen, sind der Meinung, dass Menschen wie Alice Schwarzer, die eine rechtsoffene Wirkung haben, keinen öffentlichen Raum bekommen sollten, um rhetorisch ihre rechten und rechtspopulistischen Meinungen zu verbreiten.

Meredith Haaf schreibt in einem anderen Beitrag⁶ eine Stellungnahme gegenüber die patriarchale und sexarbeiterinnenfeindliche Einstellung Alice Schwarzers. Laut Meredith Haaf lehnt Alice Schwarzer in jeglicher Hinsicht die Sexarbeit ab. Sie differenziere auch nicht zwischen Betroffenen von Menschenhandel und Frauen*, die freiwillig und selbstbestimmt eine sexualisierte Dienstleistung ausüben. Darüber hinaus interpretiert Meredith Haaf Alice Schwarzer dahingehend, dass Frauen*, die Sexarbeit ausführen, nicht selbstbestimmt über ihren Körper entscheiden und sie nicht zwischen sexualisierter Dienstleistung und sexualisierten Handlungen unterscheiden könnten. Die Trennung zwischen Körperlichkeit und Sexualität wäre für eine Frau* nach Alice Schwarzer nicht möglich. Dies könnte auch dahingehend interpretiert werden, dass Alice Schwarzer die Frau* auf den Körper (=Sex) reduziert. Diese Interpretation wäre ein Indiz dafür, dass Alice Schwarzer eine patriarchale Einstellung hat.

Wir, als Anarchist*innen, leben und kämpfen für eine selbstbestimmte und emanzipatorische Lebensweise aller Frauen*. Frauen* können selbst entscheiden, ob sie ihr Geld mit einer sexualisierten Dienstleistung bzw. Sexarbeit verdienen. Betroffene von sexualisierter Gewalt und Menschenhandel müssen unterstützt sowie geschützt werden. Sexualisierte Gewalt und Menschenhandel sollte rechtlich verfolgt werden und verfolgbar sein. Ein Nein heißt Nein, egal ob es in der Ehe oder auf der Party ist.

Ein*e Blogger*in, gnurpsnewoel.⁷, schreibt auf seinen*ihren Blog, dass Alice Schwarzer trans*feindliche Einstellungen zeigt. Sie*Er belegt es u.a. damit, dass Schwarzer in ihrer Kolumne „Ask Alice“ trans* Menschen davon abrät, sich geschlechtsanzugleichen oder Hormone zu nehmen. Gnurpsnewoel schlägt vor, wenn Menschen gefragt werden, wie sie trans* und inter* Menschen beraten sollen, dann sollte mensch auf Beratungsstellen verweisen, die explizit sich damit auskennen. Beispielweise gibt der Verein TransInterQueer e.V. Workshops oder Beratungsangebote.

Wir, als Anarchist*innen, leben und kämpfen für einen sensiblen Umgang mit trans*inter*queer* Personen. Die Erziehungs- und Bildungslandschaft sollte sich mit der Beratung oder der Weiterleitung an externen Beratungsstellen auskennen. Es kann durch Unwissenheit oder Ablehnung von trans*inter*queer* Personen passieren, dass die Betroffenen nicht ernst genommen und diskriminiert werden. Auch Alice Schwarzer zeigt offen trans*feindliche Einstellungen und sollte daher keinen öffentlichen Raum gegeben werden.

Wenn Alice Schwarzer diese Stellungnahme liest, liegt es nahe, dass sie es als falsche Toleranz bezeichnet. Laut Mithu Sanyal⁸ meint Alice Schwarzer, dass Linke und Linksliberale eine falsche Toleranz gegenüber Migrant*innen zeigen. Ist das so? Leben und kämpfen wir für eine falsche Toleranz und die Rechten und Rechtspopulist*innen für eine richtige? Sind wir nach dieser Argumentation doch schon im Faschismus angelangt? Denn im Faschismus, welchen die Rechten und die Rechtspopulist*innen als ideologisches Fundament haben, gibt es keinen Platz für Migrant*innen, Geflüchtete, Andersgläubige, emanzipierte Frauen* sowie Sexarbeiter*innen, Inter*Trans*Queer* Menschen und Linke.

Wir hoffen und kämpfen für eine freiheitliche und gerechte Welt ohne Herrschaft in jeglicher Form. Wir wollen mit Migrant*innen, Geflüchteten, Andersgläubige, Frauen*, Sexarbeiter*innen und Inter*Trans*Queer* Menschen zusammen leben. Dies ist notwendig und in einer gerechten, anti-autoritären, offenen und emanzipierten Welt möglich.

Einige Menschen der Anarchistische Aktion und Organisierung (A&O Kassel)

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Endnoten:

1= „[…] Der Frauen*streik ist auch ein Streik […] weil wir uns gegen rechte Politik und den Aufstieg rechter Parteien und Bewegungen stellen. […]“ Frauenstreik Aufruf online unter: https://frauenstreik.org/aufruf/ (Zugriff am 17.03.2019).

2= Siehe Mithu Sanyal (18.08.2016): Hatespeech im Feminismus-Mantel- Alice Schwarzers Buch über die Kölner Silvesternacht ist eine rassistische Hassschrift. Aber warum eigentlich?, online unter: https://missy-magazine.de/blog/2016/08/18/hatespeech-im-feminismus-mantel/ (Zugriff am 17.03.2019).

3= Siehe Laura Lucas (02.07.2018): Emma und der Beifall von rechts, online unter: https://uebermedien.de/29269/emma-und-der-beifall-von-rechts/ (Zugriff am 17.03.2019).

4= Siehe Meredith Haaf (08.09.2018): Rechtsliberale Femminismusvariante, Online unter: https://www.sueddeutsche.de/medien/magazin-emma-rechtsliberale-feminismusvariante-1.4120639 (Zugriff am 18.3.2019)

5= Einen Überblick über die Einordnung und notwendige Distanzierung rechter und rechtspopulistischer Einstellungen gibt die Broschüre „Miteinander gegen Hass, Diskriminierung und Ausgrenzung“ von der AWO. Siehe AWO Bundesverband e.V./ Deutscher Caritasverband e.V./ Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband – Gesamtverband e.V./ Diakonie Deutschland – Evangelischer Bundesverband/ Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V. (2017): Miteinander gegen Hass, Diskriminierung und Ausgrenzung, online unter:, url: https://www.awo.org/sites/default/files/2017-07/170609%20Web%20Handreichung%20der%20Verb%C3%A4nde-Miteinander.pdf (Zugriff am 18.03.2019).

6= Siehe Meredith Haaf (03.07.2014): Alice Schwarzer in der Prostitutionsdebatte- Käufliche Körper, Käufliche Seelen, online unter: https://www.sueddeutsche.de/leben/alice-schwarzer-in-der-prostitutionsdebatte-kaeufliche-koerper-kaeufliche-seelen-1.1834875!amp (Zugriff am 18.03.2019).

7= Siehe gnurpsnewoel (31.07.2014): Emma-Fail: Alice Schwarzer trans*feindlich, online unter: http://gnurpsnewoel.blogsport.de/ (Zugriff am 18.03.2019).

8= Siehe Endnote 2.

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